Der weiße Stein

 
Am 1. April des magischen Jahres 2000 beschäftigte ein sensationeller Fund im Pillerseetal die "halbe" Weltöffentlichkeit. Auf der Spitze der Buchensteinwand, ein kleiner Berg inmitten des Pillerseetales fand ein Mitarbeiter der Bergwacht, als er gerade den Blumenlehrpfad kontrollierte, einen runden hellen Stein, den er in seinen Rucksack packte und mit nach Hause nahm. Der Mann hatte nämlich eine große Sammlung von bunten Zwergen in seinem Steingarten und da passte dieser rundliche Fund genau als kleine Sitzbank für einen rastenden Zwerg. Der Steingarten lag an einem vielbegangenen Wanderweg und unzählige Leute bewunderten und fotografierten die vielen Blumen, die Zwerge und die gesammelten Steine.
Eines Tages spazierte ein berühmter Professor für Naturgeschichte, der jedes Jahr in der Gegend Ferien macht, an dem Garten vorbei, blieb stehen und seine Blicke wanderten auf die eigenartige Sitzbank des rastenden Zwerges. Der Professor war verwundert, weil der Stein hell wie weißer Marmor war und er wusste sofort, dass dieser nicht aus der Gegend stammen konnte. Er läutete bei der Haustür und als ihm die Frau des Hausbesitzers die Tür öffnete, fragte er sogleich nach der Herkunft dieses Steines. "Der is von hier, von der Buach!" antwortete die Frau mit felsenfester Überzeugung. Der Professor aber wollte das nicht glauben, fotografierte den Stein mit seinem Teleobjektiv und ging grübelnd und aufgeregt zugleich in seine nahegelegene Ferienwohnung. Dort betrachtete der das Bild noch einmal auf seinem tragbaren Computer und klickte sich über das Internet in das Institut für Frühgeschichte an der Universität Innsbruck ein. Er verglich das Bild mit alten Aufzeichnungen und vergleichbaren Steinen, kam von einem Institut ins andere und nach einigen Stunden war er überzeugt, einer kleinen Sensation auf der Spur zu sein. War es ein fossiles Ei? Das eines großen Vogels? Oder eines Meeresfisches? Auf der benachbarten Steinplatte bei Waidring hat man ja Hunderte von versteinerten Schnecken und Schalentieren gefunden. Warum also nicht? Der Professor konnte die ganze Nacht nicht schlafen und schon früh am nächsten Morgen stand er wieder vor dem Steingarten. Sein erster Blick galt natürlich dem rastenden Zwerg und dem eigenartigen Stein. Aber da fuhr es wie ein Blitz durch seine Brust. Der Zwerg saß zwar noch träumend da, aber seine Rastbank war kein weißer Stein, sondern nur mehr ein einfacher, roter Tonziegel!
 
 
War es Diebstahl? Hat er sich alles nur eingebildet? Nein, da waren ja die eindeutigen Bilder die er gemacht hat! Der Professor marschierte betrübt und kopfschüttelnd entlang des Zaunes auf und ab und immer wieder blickte er auf das fehlende Stück im Steingarten. Da ging mit einem leisen Knarren die Tür des Hauses auf und ein Mann bewegte sich auf den Professor zu. "Sie suchen den Stein?" fragte der Mann mit seiner tiefen Stimme und der erschrockene Professor konnte nur bejahend mit dem Kopf nicken. "Kommen Sie mit mir, Herr Professor, als meine Frau ihr Interesse an dem Stein bemerkt hat, hat sie ihn gegen einen Tonziegel ausgetauscht, damit nicht jemand anderer auf die Idee kommt, das Ding könnte wichtig oder gar selten sein."
 
Erleichtert folgte der Professor der Einladung und beide gingen ins Haus. Der Mann von der Bergwacht erzählte von dem Fundort und dass er eigentlich selber schon ein eigenartiges Gefühl hatte, als er damals das Stück entdeckte. Die Frau servierte den Herren einen starken Kaffee, dazu Brot mit Butter und Honig und sie frühstückten und erzählten sich die abenteuerlichsten Geschichten, die sie in den Bergen oder beim Wandern erlebt hatten, bis plötzlich der Professor vor Neugierde nicht mehr konnte und die Frau fragte, wo nun dieser besagte helle Stein sei. Die Frau, von Natur aus sehr vorsichtig, meinte, sie hätten zwar keinen Tresor im Haus, aber dafür einen gut erzogenen Hund namens Pilli. Und diesem hätte sie den Stein zur Bewachung auf seine warme Rosshaardecke gelegt. Daraufhin ging sie hinaus in den Gang, um ihn zu holen. Ein paar Augenblicke später kam sie kreidebleich mit einer weißlichen Scherbe in der Hand herein und brachte nur die Worte hervor: "Der Stein ist zerbrochen". Der Professor ließ die Tasse fallen und stürmte hinaus zum Schlafplatz des Hundes. Und siehe da, es waren nur mehr ein paar zerbrochene Eierschalen hier und eine geheimnisvolle Spur, die sich im feinen Staub des Fußbodens abzeichnete. Die Wärme der Decke und des Hundes Pilli haben es zum Schlüpfen gebracht!
 
Was ist das bloß für ein Wachhund, ärgerte sich der Professor im ersten Moment, ab da überholte ihn schon der zweite Gedanke, dass ein scharfer Hund dieses Wesen vielleicht schon beim Schlüpfen umgebracht hätte. So sollte man noch immer die Möglichkeit haben, es zu suchen und zu finden. Da man bis jetzt noch nichts anderes hatte, als die zerbrochenen
Schalen und eine ganz markante Fußspur, nannte man das unbekannte Wesen kurz "Tatzi", denn der eigenartige Abdruck seiner kleinen Tatzen sollten für einige Zeit die einzigen Lebenszeichen von ihm bleiben.
 
Für den Professor begann mit dieser Entdeckung der aufregendste Teil seines Lebens, er machte sich auf die Suche nach "Tatzi". Die Politiker und die Touristiker der Region lebten auf, da diese Meldung durch alle Medien ging und Scharen von Touristen und Schaulustigen das Pillerseetal besuchten, um an den Fundort des sonderbaren weißen Steines zu gelangen oder den Steingarten mit den vielen Zwergen zu bestaunen.
 
Bald schon entstanden erste Beobachtungen, Augenzeugen berichteten, dass ihnen ein wundersames grünes Wesen über den Weg gelaufen ist, groß war es und besonders flink. Oder doch nicht flink? Ein Beobachter berichtete, dass es aufrecht geht und so eher behäbig daherwatschelt. Doch niemanden gelang es bis jetzt, den Tatzi zu fotografieren. So blieb es bis zum heutigen Tag, der Professor ist nach wie vor besessen darauf, den Tatzi zu finden, die Touristiker jedoch haben sich damit abgefunden und modellierten nach den Augenzeugenberichten jene Figur, die inzwischen viele Kinder auf den T-Shirts und Kappen tragen und die auch lebensgroß bei vielen Festen dabei ist. Echt ist aber eines und wenn ihr irgendwann diesen Fußabdruck seht, dann seid ihr ganz in der Nähe von diesem zauberhaften Wesen vom Drachenstern! Ja, jetzt wisst ihr es genau, der Tatzi ist ein Drache, genauer gesagt: ein Glücksdrache.